Fever Pit'ch

16. Oktober 2020 (Nr.128) 
Mehmet Scholl 50

Achtung, das ist kein objektiver Text. Ich habe Mehmet Scholl zwar kennengelernt, als ich ein ganz normaler Reporter war, normal ist aber nie etwas gewesen zwischen uns. Und das kam so.

Es ging alles 1997 los. Ich war neu in der Sportredaktion der Münchner Abendzeitung und deshalb noch lange kein Bayern-Reporter. Da gab es damals andere, bessere. Das höchste der Gefühle für einen Neuling wie mich war, zu einem Heimspiel des FC Bayern mitgehen und „Stimmen sammeln“ zu dürfen. Stimmen sammeln hieß: Mit einem Notizblock die Statements der Spieler nach dem Abpfiff aufschreiben und sie dann den echten Bayern-Reportern der Redaktion übergeben. Die waren zwar zu zweit, aber im Olympiastadion, wo die Bayern damals ihre Heimspiele austrugen, gab es für Fußballer mehr als zwei Ausgänge. Also mussten auch mehr als zwei Redakteure postiert werden, um sie alle abfangen zu können.

Ich war neu, ich bekam die Tiefgarage.

Als ich Mehmet Scholl nach so einem Heimspiel zum ersten Mal persönlich traf, war ich aufgeregt. Scholl war erst 27 Jahre alt, aber längst eine Legende: Deutscher Meister und Uefa-Cup-Sieger mit den Bayern, Europameister mit der Nationalmannschaft. Und er war für Journalisten ganz besonders ergiebig, denn er füllte die Sportseiten, weil er so ein großartiger Fußballer war, und aufgrund seines eher aufregenden Privatlebens füllte er auch die Klatschspalten. Content-Mehrfachverwertung, würde man heute dazu sagen.

Ich sah Scholl nach dem Spiel frisch geduscht aus der Umkleide kommen. Ich stellte mich vor ihn. Ich war nervös. Ich hatte einen Notizblock in der linken und einen Stift in der rechten Hand. Er einen Kulturbeutel unterm Arm. Er erkannte mich nicht. Er schaute mich nochmal an, weil ich ja direkt vor ihm stand. Und dann griff er nach meinem Block und meinem Stift. Da wurde mir klar: Der denkt, ich bin Autogrammjäger. Da fing nicht gut an.

Es ging auch nicht gut weiter. Scholl steckte damals in einer Lebenskrise. Er trat deshalb außerhalb des Fußballs medial nicht in Erscheinung, gab also keine Interviews, was schlecht für mich Neuling war: Ich hatte keine Gelegenheit, unsere Autogrammjägerbeziehung auszubauen.

Was bekannte Persönlichkeiten, die sich Journalisten total verschließen, manchmal vergessen, ist, dass trotzdem immer jemand da ist, der etwas über sie verfassen muss. Das nennt man dann „etwas kalt schreiben“: Der Autor bastelt eine Geschichte aus dem zusammen, was er beobachtet hat, plus was allseits bekannt ist, plus allem, was die Archive (heute: Google) so hergeben.

Ich musste das einige Zeit später auch tun. Denn Scholl sagte ja nichts. Ich schrieb also im Auftrag meines Ressortleiters „kalt“ ein längeres Stück über den neuen Scholl, der nichts mehr sagt, aber dank aufopferungsvollen Trainings immer dickere Oberarme kriegt. Der schweigende Goretzka quasi. Ich muss zugeben: Das Stück geriet mir ziemlich sarkastisch.

Was Scholl nie erfahren hat: Ich habe ihm genau deshalb viel zu verdanken. Diese Geschichte war nämlich ein Wendepunkt für mich, den Neuling. Sie begeisterte meinen damaligen Ressortleiter dermaßen, dass er mich am Erscheinungstag sehr frühmorgens anrief. Ich werde nie vergessen, wie mir meine damalige Frau das Handy in die Dusche hielt und flüsterte: „Dein Chef!“

Der Scholl-Text sei das beste, das ich je geschrieben habe, sagte Herr Urban, mein Chef, dann, und kündigte dem tropfenden Steudel einen steilen Aufstieg und reizvolle Aufgaben an, wenn er denn nur so weitermache.

Ganz kurz darauf geschah etwas noch Außergewöhnlicheres: Mehmet Scholl passte mich nach dem Training an der Säbener Straße ab, gleich draußen neben dem Rasenplatz. Wieder war er frisch geduscht. Nur wusste er diesmal genau, wer ich war.

Scholl kam geradewegs auf mich zu und sagte: „Du, was hast du eigentlich gegen mich?“

Ich war aus mehreren Gründen baff. Erstens, weil das die ersten Worte waren, die er je an mich gerichtet hatte. Zweitens, weil mir das Ganze unglaublich peinlich war, was damit zu tun hatte, dass drittens überall Menschen herumstanden und diese Szene verfolgten: Die zum Training angereisten Bayern-Fans hinter mir und Kollegen anderer Zeitungen neben mir, die natürlich schon breit grinsten und sofort in einer Mischung aus Spott und Bewunderung - schließlich hatte mich ja der schweigende Scholl angesprochen - auf mich einredeten.

„Ja, Steudel, was hast du bloß gegen den Scholli? Na? Sag es schon, Mensch! Raus damit!“

Ich war natürlich überzeugt, dass die ersten Worte, die Scholl jemals an mich gerichtet hatte, auch die letzten bleiben würden. Für immer.

„Nein, nein, ich habe nichts gegen dich, wieso?“ stammelte ich, obwohl ich natürlich genau wusste WIESO.

Dann überraschte mit Mehmet Scholl noch mal.

„Wir müssen mal zusammen essen gehen“, sagte er, drehte sich um und ging wieder.

Das Essen fand kurze Zeit später statt und war außergewöhnlich.

Außergewöhnlich aus heutiger Sicht, weil wir zu zweit waren. Der Termin war mit keiner Medienabteilung abgesprochen, und kein Spielerberater hatte seinen Segen gegeben. Es war auch kein Pressesprecher des Vereins dabei. Wir hatten uns einfach zusammentelefoniert.

Außergewöhnlich aus damaliger Sicht, weil Scholl meinen Artikel über ihn beim Essen in einem kleinen italienischen Restaurant in der Münchner Innenstadt, wo unsere Redaktion auch den allabendlichen Prosecco bezog, mit keinem Wort erwähnte. Er tat von der ersten Sekunde an so, als würden wir uns schon ewig kennen. Er war nett zu mir. Ich zu ihm. Wir verstanden uns gut und redeten über das Leben.

In all den Jahren, die ich bei der Abendzeitung, später der Welt, Welt am Sonntag und Sport-Bild arbeitete, brach der Kontakt nie ab. Ich hatte nie viel von dieser Freundschaft, also beruflich, denn Scholl lieferte mir quasi nie Interna. Es gab keinen unausgesprochenen Deal zwischen uns, wie er manchmal zwischen Spielern und Reportern üblich ist: Du lässt mich in Ruhe, und dafür füttere ich dich mit Infos. Aber das war mir egal, unsere Beziehung war für mich immer: nett und ein bisschen rätselhaft. Er war manchmal wie ein Freund, aber er war auch öfter der berühmte Scholl, der sich verschloss. Und ein bisschen verrückt war (und ist) er auch.

Ich erinnere mich an ein Winter-Trainingslager der Bayern in Spanien, als die Spieler abends freihatten, weshalb mich Mehmet fragte, ob ich mit ihm Essen gehen wolle. Wollte ich natürlich gern. Ich weiß noch genau, dass damals in der Redaktion Gerüchte die Runde machten, Scholl trinke aufgrund seiner privaten Situation sehr, sehr viel Alkohol. Irgendwie beruhigte es mich, dass er an dem Abend schon nach einem Glas Rioja sternhagelvoll wirkte. Das habe ich ihm aber nicht gesagt.

Der Abend endete später als Nacht in einem Kasino, wo Scholl die spanischen Croupiers am Roulette-Tisch in deutscher Sprache auf lustige Weise anpöbelte. Ich betete, dass keiner von denen Deutsch verstand, denn sie waren sehr groß und stark. Zwischendurch hatten wir noch einen Wein mit Winfried Schäfer getrunken, dessen KSC, von dem Scholl ja zum FC Bayern gewechselt war, auch ein Trainingslager in der Nähe bezogen hatte.

Später, als ich nicht mehr als Sportredakteur arbeitete, wurde der Kontakt seltener und riss irgendwann ab. Und jetzt wird Mehmet Scholl 50. Unfassbar eigentlich.

Ich denke oft über diese Zeit nach. Seine Karriere war zwar erfolgreich, wenn man die Silberware wiegt, die er gewonnen hat, sie hätte aber viel erfolgreicher sein können. Er tut mir heute noch leid, weil er in die  2000er-Mannschaft geriet, die sich bei der EM blamierte. Es tut mir leid, dass er sich kurz vor der WM 2002 verletzte und nicht mitkonnte.

Und natürlich tat er mir besonders leid in der dramatischsten Stunde seiner Karriere (und meiner wohl auch), im Mai 1999, der Nacht des Champions-League-Endspiels gegen Manchester United. Die Bayern hatten in Barcelona bis zur 91. Minute 1:0 geführt und noch 1:2 verloren.

Mehmet Scholl wirkte auf dem Bankett nach dem Spiel vollkommen paralysiert. Und, typisch für ihn, er kompensierte das auf sehr eigenwillige Art: Scholl trug ein weißes T-Shirt, lief weit nach Mitternacht ziellos durch die Gegend und sammelte bei allen den Bankettgästen Autogramme ein – sie mussten, warum auch immer, auf seinem Shirt unterschreiben.

Als er schließlich zu mir kam, lächelte er nur, drückte den Stift in meine Hand und hielt mir seine Schulter hin. In dem Moment musste auch ich lächeln. Ich gab einem der besten Spieler, die Deutschland je hatte, und der mich einst mit einem Autogrammjäger verwechselte – ein Autogramm.

Wie ich schon gesagt habe: Zwischen Mehmet Scholl und mir war immer alles irgendwie anders.

Happy Birthday, Mehmet!

16. August 2019 (Nr.1) 
Ich, der verhinderte Prophet

An einem Montag im August 2007 traf ich in Hamburg Mirko Slomka. Er war damals Schalke-Trainer und hatte gerade zum Bundesliga-Start auswärts ein 2:2 beim VfB Stuttgart rausgeholt. Das war nicht schlecht. Ich gratulierte ihm, und er sagte etwas, das mich überraschte: “Die Stuttgarter verlieren diese Saison nicht viele Spiele.” Slomka sah mich dabei an, als verrate er gerade die Rezeptur von Coca-Cola; ich meine mich sogar zu erinnern, dass er über beide Schultern nach hinten schaute, wohl um sicherzugehen, dass das FBI nicht zuhörte. Ich war kurz davor, mein gesamtes Vermögen auf eine Siegesserie der Schwaben zu setzen.

Der VfB verlor in dieser Saison 14 von 34 Spielen.
Genau das liebe ich am Fußball. Ob Amateur, Profi oder Fußballgott: Keiner hat auch nur die geringste Ahnung, wie irgendwas ausgeht. Trotzdem wird munter getippt, prophezeit, gewettet. Jetzt zum Ligastart auch wieder.
Ähnliches passierte mir anderthalb Jahre später. Ich kam in der Winterpause in München mit Jürgen Klinsmann zusammen. Die Bayern spielten zu der Zeit nicht besonders gut, Trainer Klinsmann stand in der Kritik. Ich arbeitete als Chefredakteur bei Sport-Bild, wir waren auch nicht gerade zimperlich mit ihm umgegangen, was mir als Schwabe und Stuttgarter-Kickers-Fan natürlich zu schaffen machte, aber egal, es gab eine Menge Ärger mit den Bayern, und ich wollte schlichten. 
Wir trafen uns also zum Friedensgipfel an der Säbener Straße, ich weiß alles noch ganz genau: Ich stehe im Konferenzraum der Bayern, und während der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge an der Espressomaschine herumnestelt, weil sie gerade mein Kaffeepad verschluckt hat, sagt Klinsmann den großen Satz zu mir: “Wir starten hier jetzt richtig durch.”
Drei Monate später startete Klinsmann wirklich durch: nach Hause. Die Bayern hatten ihn entlassen.
Ich schreibe das ohne Häme, ich bin selbst der Schlimmste von allen: Ich kann mit allergrößter Gewissheit fast nichts richtig voraussagen und versuche es trotzdem ständig. Ich sage Meister voraus, Spielergebnisse, Absteiger, Europameister, ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass nach einer bestimmten Ecke ein Tor fallen wird, ich habe einfach alles im Prognose-Portfolio. 
Das ganze hängt aber auch damit zusammen, dass ich dauernd gefragt werde. Weil ich so lange Sportjournalist bin, wollen ständig irgendwelche Leute vom Experten ihres Vertrauens wissen, was als nächstes passiert. Es ist faszinierend. Sogar Guido Buchwald, ein echter Weltmeister, hat mal beim Bier nach einer Talkshow, in der wir beide gesessen waren, zu mir gesagt: “Sag mal, du als Sportreporter, glaubst du….” Und dann fragte er nach irgendeinem Spielausgang. Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute denken, ich hätte Zugang zu dem Fifa-Tresor, in dem alle Ergebnisse liegen.
Also auch die nächsten.
Und natürlich gehe ich jedes Mal drauf ein. Stellt mir jemand die Fußballergebnisfrage (“Du kennst dich doch aus, Alex, sag mal…”), werde ich schwach, ziehe wichtig die Augenbrauen zusammen, überlege und spucke dann eine brillante Analyse plus Spielergebnis im Anhang aus. In der Hoffnung, dass ich den Fragesteller erst wiedersehe, wenn Gras über das 0:3 der Bremer gewachsen ist, denen ich gerade einen grandiosen Sieg mit zwei Pizarro-Treffern vorausgesagt habe.
Das Problem ist: Manchmal liege ich richtig, und das wirft mich um Jahre zurück. Am 34. Spieltag der Bundesliga-Saison 2000/01 zum Beispiel feierte ich einen Voraussage-Triumph, von dem ich mich nie erholt habe. Als nämlich Sergej Barbarez in der letzten Minute des letzten Saisonspiels das 1:0 für den HSV gegen die Bayern köpfte, denen ein Unentschieden zum Titelgewinn reichte, als schon alle die Meisterschaft des FC Schalke 04 feierten, lehnte ich mich, im Volksparkstadion sitzend, gelassen zu meinem Nebensitzer, einem sehr bleich aussehenden Bayern-Fan, rüber und sagte: “Mach’ dir keine Sorgen, die Bayern schaffen das noch.”
Tatsächlich trafen die Bayern in der letzten Tausendstelsekunde der Nachspielzeit noch zum 1:1 und kickten Schalke vom Thron, und das war eines der unglaublichsten Ereignisse der Fußballgeschichte, aber nicht, weil Oliver Kahn den berühmten Immerweitermachen-Spruch erfand, sondern weil ich es alles genau so vorausgesagt hatte. Ich erinnere mich, dass sogar Rudi Egerer, der inzwischen verstorbene Busfahrer der Bayern, nach dem 1:0 im Kabinengang des Stadions verschwunden war, so wenig glaubte selbst er noch an die Bayern. Nur ich wusste es besser.
Diese Geschichte erzähle ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit herum und hoffe, dass sich in dem Moment niemand in der Runde an eine der 1324 in die Binsen gegangenen Fußball-Prognosen meines Lebens erinnert.
(Ich habe zum Beispiel 20 Jahre lang vor jeder EM oder WM Spanien zum Topfavoriten erklärt und aus Erfolglosigkeit und Scham irgendwann damit aufgehört – obwohl, nein, nicht irgendwann, jetzt weiß ich’s wieder, ich habe 2008 damit aufgehört, also kurz vor genau der EM, bei der Spanien gewann.)
Das Allerdümmste, was du als Sportreporter tun kannst, ist: eine Prognose abgeben und sie auch noch veröffentlichen. Im Herbst 2000 zum Beispiel, ich war Bayern-Reporter, spielten die Münchner hundsmiserabel, und ich war felsenfest überzeugt, das würde sich auch im Frühling nicht ändern. Ich schrieb also in der Tageszeitung “Die Welt” einen Kommentar, der schlüssig argumentierend erklärte, warum der FC Bayern München die Champions League 2001 nicht gewinnen wird. Ich war mir so sicher, ich verzichtete auf Konjunktive aller Art. 
Ein gutes halbes Jahr später gewann der FC Bayern in Mailand das Champions-League-Finale gegen Valencia und krönte die erfolgreichste Saison der vergangenen 26000 Jahre – so fühlte es sich jedenfalls für mich an. Ich habe mir damals noch im Konfettiregen des Giuseppe-Meazza-Stadions geschworen, nie mehr eine Prognose abzugeben, und schon gar keine gedruckte.
Leider ist es mit den Prophezeiungen wie mit Kartoffelchips. Egal wie oft du dir vornimmst, die Finger davon zu lassen: Ein schwacher Moment genügt, und du steckst wieder mittendrin im Schlamassel.
Am letzten Spieltag vor irgendeiner Winterpause in den Nullerjahren war das auch so. (Zur Sicherheit: Nullerjahre bezeichnen den Zeitraum von 2000 bis 2009 und nicht die Geschehnisse beim HSV seit 2010). Damals hatte ich wieder so eine brillante Eingebung. Ich arbeitete bei der “Welt am Sonntag”, ging am Samstag in die Redaktion und erklärte allen anderen den Fußball neu: Jeder Spieler und jeder Trainer wisse ja, dass eine Niederlage im letzten Spiel vor der Winterpause verheerende Auswirkungen habe, weil dann wochenlang ständig nur darüber geredet werden würde. “Deshalb”, schloss ich meine Argumentationskette, “wird heute jede Mannschaft auf Teufel komm raus gewinnen wollen, und das hat zur Folge, dass sehr offensiv gespielt wird, und das hat zur Folge, dass ganz viele Tore fallen. Ich wette also, dass in allen Spielen mindestens drei Tore fallen. Wer ist dabei?”
Es wurde zustimmend bis bewundernd genickt, das Geld flog mir nur so zu, Redakteure und Grafiker waren entzückt von meiner Fußballintelligenz, ich schloss eine Redaktionsgemeinschafts-Drei-Tore-Wette ab und erlebte die schlimmsten 90 Minuten meines Lebens. Alle Mannschaften standen hinten drin, weil sie nicht verlieren wollten, ich glaube, so wenige Tore sind noch nie an einem Spieltag gefallen. Die vernichtenden Blicke der anderen um 17.20 Uhr werde ich nie vergessen.
Aber auch das nützte nichts, ich kam einfach nie los vom Voraussagen. Den bisherigen Höhepunkt erlebte ich vor dem WM-Finale 2014 in Rio. Da hatte ich wieder eine Eingebung, und das kam so: Deutschland sollte gegen Argentinien spielen, und ich grübelte und grübelte im Urlaub auf Kreta über die Siegchancen des DFB-Teams und suchte nach einem guten Omen und fragte mich deshalb irgendwann, warum auch immer, wo ich mich bei den bisherigen WM-Endspielen mit deutscher Beteiligung aufgehalten hatte.
Ich zählte auf:
1974: Warst du auf dem Peloponnes in Griechenland, Deutschland gewann.
1982: Warst du in Deutschland – Niederlage.
1986: Warst du in Deutschland – wieder Niederlage.
1990: Warst du auf einem Campingplatz in Griechenland – Deutschland gewann.
2002: Warst du im Stadion in Yokohama/Japan – Niederlage.
Da bekam ich Gänsehaut. Alles war so klar: “Deutschland kann nur Weltmeister werden, wenn ich gerade in Griechenland bin. Und jetzt bin ich in Griechenland!“, rief ich, am Pool liegend, meiner Freundin euphorisch zu.
Ich war mir meiner Sache so sicher, dass ich Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff sofort eine aufmunternde WhatsApp-Nachricht nach Brasilien schrieb, die genau diese Indizienkette enthielt. Bierhoff antwortete mir erst einen Tag später, vermutlich weil er sich zuvor in meinem Umfeld umhören musste, ob ich noch ganz dicht sei.
Er schrieb: "Dann bin ich ja beruhigt.”
Ich habe sehr lange nichts mehr von ihm gehört.
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© Alexander Steudel